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Arbeiterbewegung

ZUSTIMMUNG, ANPASSUNG, WIDERSTAND

Die Rolle der Arbeiterbewegung und ihre Beziehung zum Nationalsozialismus war ambivalent: Einerseits wurde die Gewerkschaftsbewegung durch Zerschlagung und EinschĂŒchterung – in Österreich seit 1933 durch den Austrofaschismus – unterdrĂŒckt, andererseits passte sich ein Großteil der Arbeiterschaft an das Regime an, nicht zuletzt aufgrund der vermeintlichen ZugestĂ€ndnisse im Bereich der Sozialpolitik, des RĂŒckgriffs der Nationalsozialist:innen auf Traditionen der Arbeiterbewegung sowie des Nationalismus. Der Anteil an Arbeiter:innen, die die NSDAP bei den Reichstagswahlen zwischen 1928 und 1933 wĂ€hlten, war höher als angenommen – eine entscheidende Voraussetzung fĂŒr den Aufstieg der Partei.

DER 1. MAI 1933–1945

Eine der ersten propagandistischen Maßnahmen der Nationalsozialist:innen war die Vereinnahmung und Umdeutung des 1. Mai. Seine UrsprĂŒnge gehen auf den „Haymarket Riot“ im Mai 1886 in Chicago zurĂŒck – ein bedeutendes Ereignis der Arbeiterbewegung, bei dem ein Arbeiterprotest niedergeschlagen wurde. Nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 wurde der 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ erklĂ€rt und als gesetzlicher Feiertag eingefĂŒhrt. Am Tag darauf löste das Regime die Gewerkschaften auf. Die traditionellen Mai-AufmĂ€rsche dienten fortan der Selbstdarstellung des NS-Regimes: Anstelle internationaler SolidaritĂ€t und Demonstrationen, fĂŒr z. B. bessere Arbeitsbedingungen, trat die Überhöhung des deutschen Volkes, dem unter Hitler eine große Zukunft versprochen wurde. Die nationalsozialistischen Mai-Feiern wurden minutiös geplant und zielten darauf ab, das SelbstwertgefĂŒhl der Arbeiter:innen zu stĂ€rken, indem sie mit den Soldaten an der Front gleichgestellt wurden. 

Mit der Umbenennung des 1. Mai in „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“ im Jahr 1934 entzogen die Nationalsozialist:innen dem Tag jeglichen Bezug zur Arbeiterbewegung. Stattdessen wurde er in den Zyklus der Jahreskreisfeiern eingebettet und als FrĂŒhlingsfest inszeniert. Die DAF sowie die NS-Jugendorganisationen Hitlerjugend und Bund Deutscher MĂ€del (BDM) wurden zu den Hauptakteuren bei der Realisierung dieser Feierlichkeiten. Von ihnen erwartete man Regime-Eifer in der Vorbereitung und DurchfĂŒhrung. Mit dem „Anschluss“ im Jahr 1938 fand der „Nationale Feiertag des deutschen Volkes“ auch in Österreich Eingang. 

Im Jahr 1946, ein Jahr nach Kriegsende, konnten wieder freie Mai-Feiern, die an die Traditionen der Arbeiterbewegung vor Austrofaschismus und Nationalsozialismus anknĂŒpften, begangen werden. Der gesetzliche Feiertag wurde beibehalten. Mit zunehmendem Wohlstand und verbesserten sozialen Rahmenbedingungen wurde der Tag mehr und mehr zum Familienfest – Demonstrationen und Massenkundgebungen finden kaum mehr statt.

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Der 1. Mai 1938 wurde in Österreich groß inszeniert. Die gesamte Wiener Innenstadt war mit Hakenkreuzfahnen beflaggt, am Heldenplatz (im Bild, mit Blick Richtung Parlament und Rathaus) fand eine Großkundgebung der NS-Elite statt.

Bildquelle: ÖNB Wien/Pz 1938 V 1 Wien/2/1 

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Das KĂ€rntner Tagblatt berichtete am 3. Mai 1939 ĂŒber den „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ als FrĂŒhlingsfest, das das „Kernland sowie die Ostmark“ gemeinsam begehen können. Die Zeitung musste kurze Zeit spĂ€ter den Markt fĂŒr den nationalsozialistischen „KĂ€rntner Grenzruf“ freimachen.

Bildquelle: ÖNB Wien/ANNO

KÄRNTNER SCHICKSALE (EINE AUSWAHL)

Josef Nischelwitzer (1912–1987)

Der aus Dellach in KĂ€rnten stammende Nischelwitzer engagierte sich bis 1934 in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und war nach den FebruarkĂ€mpfen 1934 illegal in der Kommunistischen Partei Österreichs aktiv. Er wurde am 12. MĂ€rz 1938 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) festgenommen und mit dem ersten Österreicher-Transport von Wien in das KZ Dachau deportiert. SpĂ€ter folgte die Verlegung in das Mauthausen-Außenlager Gusen. Nach dessen Befreiung konnte er nach KĂ€rnten zurĂŒckkehren.

Bildquelle: DÖW-Foto 0520 

St. Veiter Eisenbahner

Eine Gruppe von Eisenbahnern aus St. Veit versuchte durch Sabotageakte wie das Durchtrennen von BremsschlĂ€uchen, den Betrieb der Reichsbahn zu behindern. Sie wollten die Maschinen und ZĂŒge lahmlegen, um das NS-Regime in seiner kriegerischen Expansion zu bremsen. Viele von ihnen wurden verhaftet und gestanden unter Folter. Zehn Eisenbahner – sieben aus KĂ€rnten und drei aus der Steiermark – wurden nach ihrem GestĂ€ndnis von der NS-Justiz zum Tod verurteilt und am 30. Juni 1942 hingerichtet.

Bildquelle: DERLA

Anton Falle (1886–1944)

Der aus Villach Land stammende Anton Falle vertrat 1921–1934 die Interessen der KĂ€rntner Arbeiterschaft im Nationalrat. Nach dem 12. Februar 1934 organisierte er den sozialistischen Widerstand gegen den Austrofaschismus und wurde dafĂŒr zu schwerem Kerker verurteilt. Obwohl er von widerstĂ€ndischen TĂ€tigkeiten wĂ€hrend der NS-Zeit absah, wurde er nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler 1944 ins KZ Dachau deportiert, wo er am 15. Januar 1945 verstarb.

Bildquelle: Archiv der AK KĂ€rnten

Maria Peskoller (1902–1944)

Die Osttirolerin Maria Peskoller und ihr Mann Josef, der bei der Eisenbahn beschĂ€ftigt war, ĂŒbersiedelten 1932 nach Villach. Maria Peskollers WiderstandstĂ€tigkeit begann 1942, wĂ€hrend ihr Mann eine zwanzigmonatige Haftstrafe aufgrund der „Vorbereitung hochverrĂ€terischer Unternehmen“ verbĂŒĂŸen musste. Sie war in ein politisches Kontaktnetz sowie in Widerstandszellen der Eisenbahner eingebunden, half entflohenen Zwangsarbeiter:innen, ĂŒberbrachte politische Nachrichten und verteilte FlugblĂ€tter. FĂŒr ihre WiderstandsaktivitĂ€t wurde Maria Peskoller verhaftet, vom berĂŒchtigten NS-Richter Roland Freisler verurteilt und im Dezember 1944 in Graz hingerichtet.

Bildquelle: Privat Helga Emperger

 

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Dokumente aus den Konzentrationslagern (KZ). Die HĂ€ftlings-Personal-Karte von Josef Nischelwitzer (links) gibt Aufschluss ĂŒber seine Inhaftierung aufgrund seiner politischen BetĂ€tigung. Die Sterbeurkunde (oben) sowie die Todesmeldung (unten) von Anton Falle dokumentieren seinen Tod im KZ Dachau.

Bildquelle: Arolsen Archives

ARBEITER:INNEN IM WIDERSTAND

Der Widerstand der österreichischen Arbeiter:innen begann nicht erst mit dem „Anschluss“ im Jahr 1938. Schon 1934, nach den FebruarkĂ€mpfen und der Etablierung des austrofaschistischen Herrschaftssystems, sah sich die Arbeiterbewegung gezwungen, in die IllegalitĂ€t zu gehen. Die Verbote von Parteien und Gewerkschaften sowie die systematische Repression schwĂ€chten die Bewegung. WĂ€hrend einige Mitglieder aus dem Untergrund oder dem Exil weiter gegen das faschistische Regime kĂ€mpften, wurden andere aufgrund ihrer politischen Überzeugung verfolgt und inhaftiert.

Mit der MachtĂŒbernahme der Nationalsozialist:innen 1938 eskalierte die Verfolgung. Eine groß angelegte Verhaftungswelle ergriff das Land und viele Protagonist:innen der Arbeiterbewegung, aber auch Mitglieder des austrofaschistischen StĂ€ndestaates wurden in Konzentrationslager deportiert. Gleichzeitig schlossen sich viele dem Widerstand an und kĂ€mpften mit FlugblĂ€ttern, Schmieraktionen, Sabotageakten und bewaffneten Aktionen gegen das Regime. Ihr Ziel war es u. a., den Betrieb von Industrie und Infrastruktur zu stören, um so die Expansion des „Dritten Reiches“ zu schwĂ€chen.

ZUSTIMMUNG, ANPASSUNG, WIDERSTAND
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