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Erziehung durch Arbeit

VERPFLICHTENDE ARBEIT FÜR ALLE

Der nationalsozialistische Reichsarbeitsdienst (RAD) stellte die konsequente Fortsetzung jener Art von GehirnwĂ€sche dar, welcher die jungen „Volksgenossen“ bereits zuvor im Deutschen Jungvolk und in der Hitlerjugend ausgesetzt waren. Unter Einsatz von militĂ€rischem Drill und dem Versprechen auf VollbeschĂ€ftigung gelang es den Nationalsozialist:innen, eine Jugend, die von ökonomischen Krisen geprĂ€gt war, zu mobilisieren und vollends unter ihre Kontrolle zu bringen – eine betrogene Generation. Die von den Nationalsozialist:innen verkĂŒrzt dargestellte Parole von der „Erziehung durch Arbeit“ hatte sich in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts in der PĂ€dagogik etabliert. Der Wahlspruch lautete im Original: „Erziehung durch Arbeit zur Arbeit“.

DER REICHSARBEITSDIENST

FĂŒr alle jungen KĂ€rntner:innen, die aufgrund ihrer „arischen Abstammung“, „politischen und weltanschaulichen Überzeugung“ und schließlich ihres Arbeitswillens „ordentliche Mitglieder“ der „Volksgemeinschaft“ waren, fand „Erziehung durch Arbeit“ mittels Verpflichtung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) statt.

Der Dienst war fĂŒr mĂ€nnliche wie weibliche 18- bis 25-JĂ€hrige vorgesehen. Die Ableistung durch die weiblichen Dienstpflichtigen blieb vorerst besonderen gesetzlichen Regelungen vorbehalten. FĂŒr den halbjĂ€hrigen Reichsarbeitsdient erhielten die jungen Menschen keine Entlohnung. Stattdessen wurden sie neben harter Arbeit zu „Treue“ und „Gehorsamkeit“ gedrillt. Die große Bedeutung körperlicher Arbeit fand in der Verwendung des Spatens im Symbol des Reichsarbeitsdienstes Ausdruck. Daneben wurde exerziert und der Dienst an der Waffe geĂŒbt. Die weiblichen „Arbeitsmaiden“ kamen vorwiegend als Erntehelferinnen, Haushaltshilfen oder in der SĂ€uglingspflege zur Verwendung. Ab 1939 war der Arbeitsdienst auch fĂŒr sie verpflichtend.

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Plakataufruf zur Meldung beim RAD. Die Propagandamaschinerie der Nationalsozialist:innen stilisierte die jungen MĂ€nner zu „Soldaten der Arbeit“ und stellte die jungen Frauen in den „Mutterdienst fĂŒr ein ganzes Volk“. 

Bildquelle: KLA

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Das nationalsozialistische Idealbild des Arbeitsmannes, der Spaten, geschultert wie ein Gewehr. Ab Herbst 1939 folgte auf den obligaten Reichsarbeitsdienst meist der Dienst an der Front. 

Bildquelle: Ostmark-Woche, 28. Juli und 04. Januar 1938/Privat/Der Ostmarkbrief, 10. Folge, April 1939

ARBEIT ALS STRAFE

Auffallend ist, dass die Parole „Erziehung durch Arbeit“ im Laufe der Zeit beinahe von allen politischen Strömungen aufgegriffen wurde – von den ganz links stehenden Parteien bis hin zu den ultrarechten. 1933 bzw. in Österreich 1938 instrumentalisierten die Nationalsozialist:innen die Phrase fĂŒr ihre Zwecke und setzten das Konzept in die Tat um. Um die Arbeitsleistung der gesamten „Volksgemeinschaft“ zu gewĂ€hrleisten, herrschte im Dritten Reich quasi „Pflicht zur Gesundheit“. Eine Textstelle aus einem Buch, das speziell fĂŒr den Gebrauch in der Hitlerjugend herausgegeben wurde, veranschaulicht, was man sich darunter vorzustellen hatte:

„Jeder Deutsche hat die Pflicht, so zu leben, dass er gesund und arbeitsfĂ€hig bleibt. Krankheit ist ein Versagen. Wer krankheitshalber hĂ€ufig am Arbeitsplatz fehlt, ist ein schlechter Arbeiter. Der Kranke ist nicht zu bemitleiden.“

Wer aufgrund einer körperlichen oder geistigen Behinderung nicht die veranschlagte Arbeitskraft aufbringen konnte, lief Gefahr, im Zuge der sogenannten „Ausmerze unwerten Lebens“ getötet zu werden. Gesellschaftliche Außenseiter:innen und sogenannte „Arbeitsscheue“ wurden kriminalisiert. Das Regime ging mit Verfolgungsaktionen, wie der „Bettlerrazzia“ 1933 oder der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Juni 1938, und Erlassen, wie dem „Grundlegenden Erlass ĂŒber die vorbeugende VerbrechensbekĂ€mpfung durch die Polizei“ im Dezember 1937, gegen als „asozial“ eingestufte Personen vor. In diese Opfergruppe fĂ€llt der am 20. Oktober 1925 in Vordergumitsch (Bezirk Wolfsberg) geborene Johann Graf. Der 18-JĂ€hrige ist am 1. Mai 1944 im Jugend-KZ Moringen bei Göttingen ums Leben gekommen. Der Grund fĂŒr seine Deportation und Einlieferung in das so weit von seiner Heimat entfernte Konzentrationslager sowie die Todesursache sind unbekannt. Fest steht, dass es vielerlei GrĂŒnde fĂŒr eine Einweisung in ein Jugend-KZ gab. So zum Beispiel bei der Verweigerung des Dienstes in der HJ oder dem BDM bzw. der Ausschluss aus einer dieser Organisationen, bei sogenannter Arbeitsverweigerung, „Arbeitsbummelei“ oder Sabotage und bei sogenannter Unerziehbarkeit, Renitenz oder KriminalitĂ€t. Um einen Eindruck von den VerhĂ€ltnissen im Jugend-KZ Moringen zu gewinnen, die Johann Graf schlussendlich das Leben gekostet haben, soll an dieser Stelle ein Überlebender zu Wort kommen. Erwin Rehn berichtet ĂŒber den Lageralltag:

„Bewegung war nur im Laufschritt möglich. Es verging kein arbeitsfreier Tag, an dem sich die HĂ€ftlinge nicht ‚sportlich‘ betĂ€tigen, ohne RĂŒcksicht auf Witterung. [
] Bestrafungen wurden schon fĂŒr geringfĂŒgige Sachen, fĂŒr die es sonst nur ein paar FaustschlĂ€ge gab, ausgesprochen. Appelle wurden durchgefĂŒhrt, darunter der menschlich so entwĂŒrdigende ‚Gesundheitsappell‘, bei dem der BlockfĂŒhrer die Geschlechtsteile der HĂ€ftlinge inspizierte.“

Erwachsene, die in die Kategorie der „Asozialen“ fielen, sollten in den nationalsozialistischen Arbeits- bzw. Konzentrationslagern „umerzogen“ werden. Die Kriminalpolizei verfĂŒgte bei der VerhĂ€ngung der Vorbeuge bzw. Schutzhaft ĂŒber einen immensen Spielraum. Nicht selten wurde Personen mit der „falschen Weltanschauung“ politische UnverlĂ€sslichkeit attestiert oder es wurden ihnen kriminelle Delikte untergeschoben. So wurde etwa ein aus St. Veit stammender Gelegenheitsarbeiter im Februar 1940 in Feldkirchen festgenommen. Drei Monate spĂ€ter wurde er als „arbeitsscheuer Asozialer“ im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg hingerichtet.

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„Scheinkranke“ wurden im Dritten Reich an den Pranger gestellt und mussten mit Sanktionen rechnen. Ärzte wurden in der martialischen Sprache der Nationalsozialist:innen als „MitkĂ€mpfer des Kranken“ im „Kampf um Gesundheit“ definiert. 

Bildquelle: KLA

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Ein „DrĂŒckeberger in Weiberkleidern“ ist nach Ansicht der Nationalsozialist:innen auf dieser Abbildung zu sehen. Wer sich der staatlich verordneten Arbeitspflicht widersetzen wollte, wurde gebrandmarkt oder kriminalisiert.

Bildquelle: Illustrierter Beobachter, Folge 15, April 1943 

 

„SOLDATEN DER ARBEIT“

Der als „Dienst am Volk“ getarnte Arbeitseinsatz diente in erster Linie der Militarisierung und der Sicherung des uneingeschrĂ€nkten Einflusses des Regimes auf ebenjenes Volk. Im Gau KĂ€rnten wurden im Jahr 1938 zwölf RAD-Lager errichtet. Sechs befanden sich in der „Aufbaugruppe Villach“ (Nötsch, Saak, Hermagor, Rattendorf, Lind im Drautal und Osttirol, das Teil des Gaues KĂ€rnten war). Weitere sechs Lager wurden im Bereich der „Aufbaugruppe Klagenfurt“ in Ebenthal, Viktring, St. AndrĂ€, Grafenstein, St. Paul und Griffen errichtet. Bis zum Ende der NS-Zeit sollte sich die Zahl der RAD-Lager verdoppeln. Teils bestanden diese aus Fertigteilbaracken, die an unterschiedlichen Standorten auf- und abgebaut werden konnten. Das Ebenthaler Lager verwendeten SS und Polizei im April 1942 als Sammelstelle fĂŒr jene rund 1.000 KĂ€rntner Slowen:innen, welche auf Anordnung Heinrich Himmlers, ReichsfĂŒhrer der Schutzstaffel (SS), in Lager der Volksdeutschen Mittelstelle in Deutschland deportiert wurden.

In den gleichgeschalteten Medien wurde unverhohlen kolportiert, dass die Arbeit im Reichsarbeitsdienst vor allem ein Erziehungsmittel sei, mithilfe dessen „Soldaten der Arbeit“ geformt werden sollten.

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Das RAD-Lager in Viktring war eines der zwölf Arbeitsdienstlager, die in den sogenannten „Aufbaugruppen“ Klagenfurt und Villach errichtet wurden. SpĂ€ter kamen noch mobile Barackenlager hinzu, die je nach Bedarf auf- und abgebaut werden konnten. 

Bildquelle: KLA

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Zeltlager des RAD am Wörthersee. Neben dem militĂ€risch durchorganisierten Arbeitsdienst stand auch Sport auf dem Dienstplan der ArbeitsmĂ€nner. Dadurch sollten sie körperlich fĂŒr den Kriegseinsatz vorbereitet werden.

Bildquelle: Privat

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Umschlag eines Fotoalbums mit dem RAD-Emblem bestehend aus Spaten und Ähre. Die romantisierte Vorstellung vom Kriegseinsatz als „ehrenvolle Aufgabe fĂŒr FĂŒhrer und Vaterland“ wurde an der Front meist sehr schnell von der grausamen RealitĂ€t des Krieges hinweggefegt.

Bildquelle: Privat

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