Frauenarbeit
ZWISCHEN IDEOLOGIE UND WIRKLICHKEIT
Lange Zeit betrachtete man Frauen im Nationalsozialismus vor allem als Opfer einer patriarchalen Gesellschaft. Heute zeichnet sich ein differenziertes Bild: Frauen hatten je nach Zugehörigkeit zur âVolksgemeinschaftâ unterschiedliche Rollen. Sie waren TĂ€terinnen, MitlĂ€uferinnen, Zuschauerinnen, leisteten Widerstand oder halfen Verfolgten. Frauen, welche die Nationalsozialist:innen als âfremdvölkischâ oder ârassisch minderwertigâ ansahen, waren Opfer des Regimes. Ebenso vielschichtig war die Rolle der Frau als Arbeiterin, die sich von der freiwilligen, bezahlten Arbeit ĂŒber ideologisch beeinflusste TĂ€tigkeiten bis hin zur Zwangsarbeit erstreckte.

In KĂ€rnten wurden Zwangsarbeiterinnen vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Bauern suchten sich Arbeiterinnen âwie auf einem Viehmarktâ aus. Diese Frauen, meist aus osteuropĂ€ischen LĂ€ndern, mussten schwere Arbeit ohne angemessene Kleidung sowie Arbeitsschutz verrichten und waren der WillkĂŒr der Dienstherren ausgeliefert â dies konnte von freundlicher Integration in die Familie bis hin zu Ausbeutung und AusĂŒbung (sexueller) Gewalt reichen.
Bildquelle: ĂNB Wien/S 420/1
DIE ROLLE DER FRAU IN DER NS-IDEOLOGIE
Die ErwerbstĂ€tigkeit von Frauen lieĂ sich nur schwer mit den bevölkerungspolitischen Vorstellungen der ânatĂŒrlichenâ Frauenrolle in Haushalt und Familie vereinbaren. Das NS-Regime verfolgte eine auf Geburtenförderung ausgerichtete Politik und propagierte bis Mitte der 1930er Jahre die Hausfrauen- und Mutterrolle. SpĂ€testens ab Kriegsbeginn Ă€nderte sich dies, wobei das AusmaĂ der zu leistenden Arbeit stark von der gesellschaftlichen Herkunft und der Stellung in oder auĂerhalb der âVolksgemeinschaftâ abhing.
Mit dem âEhrenkreuz der deutschen Mutterâ (Mutterkreuz) âadeltenâ die Nationalsozialist:innen Frauen, die der âVolksgemeinschaftâ besonders viele Kinder gebaren. Wenn Frauen auf ihren Arbeitsplatz verzichteten, so erhielten Eheleute bis zu 1.000 Reichsmark fĂŒr Hausrat und Einrichtung. Dieses Ehestandsdarlehen konnte abbezahlt oder durch Geburten âgetilgtâ werden. Somit förderte es das weibliche Dasein als Hausfrau und Mutter, das mĂ€nnliche in der ErwerbstĂ€tigkeit. Ledige Personen wurden durch die verpflichtende Zahlung der sogenannten Ehestandshilfe zusĂ€tzlich belastet.
FĂŒr viele Frauen bedeutete die MachtĂŒbernahme der Nationalsozialist:innen ein Ende ihrer BerufsausĂŒbung, da z. B. Akademikerinnen nicht mehr fĂŒr den Staatsdienst als Richterinnen oder RechtsanwĂ€ltinnen zugelassen wurden. Einzig der Weg in die Verwaltung oder die Karriere in NS-Organisationen wie der NS-Frauenschaft (NSF), dem Deutschen Frauenwerk (DFW) oder der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), und in ArbeitsĂ€mtern stand ihnen offen. Im Gegensatz zur heutigen Vorstellung, dass Frauen im Nationalsozialismus ins hĂ€usliche Leben zurĂŒckgedrĂ€ngt wurden, war es nicht das Hauptziel der nationalsozialistischen Arbeitsmarktpolitik, Frauen aus dem Berufsleben auszuschlieĂen.

Die Nationalsozialistische Frauenschaft (NSF) hatte den Auftrag, Schulungen fĂŒr Frauen anzubieten und durchzufĂŒhren. In KĂ€rnten bot die NSF u. a. SĂ€uglings- und Kochkurse an, um die Frauen auf ihre âhĂ€uslichen Pflichtenâ als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Sie konnten jedoch nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass Frauen â vor allem mit Beginn des Zweiten Weltkrieges â eine wichtige Arbeitsreserve fĂŒr die Nationalsozialist:innen darstellte.
Bildquelle: KLA
FRAUEN IM KRIEG: ANPASSUNG DER ARBEITSWELT AN DIE REALITĂT
Mit Kriegsbeginn entstand eine Diskrepanz zwischen der NS-Ideologie und den realen Erfordernissen. Die Grenzen zwischen âmĂ€nnlicherâ und âweiblicherâ Arbeit verschwommen zunehmend. Entgegen der NS-Ideologie ĂŒbernahmen Frauen als âHelferinnenâ im Luftschutz klassische MĂ€nnerarbeit, ab Juli 1943 bedienten sie auch FlakgeschĂŒtze. Die Wehrmacht setzte insgesamt rund 500.000 Helferinnen ein.
Die Zahl an erwerbstĂ€tigen Frauen war stabil, was daran lag, dass es zu Umschichtungen von traditionellen Frauenberufen wie Dienstleistungen hin zur IndustriebeschĂ€ftigung kam. Die weibliche Erwerbsarbeit stand stets unter einem ideologischen Vorbehalt. Der Nationalsozialismus scheute die Rekrutierung verheirateter Frauen, unverheiratete Frauen konnten hingegen dienstverpflichtet werden. Vor allem SS und Polizei waren attraktive Arbeitgeber, da man beispielsweise als KZ-Aufseherin keine Berufsausbildung nachweisen musste. AuĂerdem galt der Sozial- und Gesundheitsdienst als genuin weibliche SphĂ€re, wodurch Frauen an den NS-âEuthanasieâ-Morden beteiligt waren. In den diversen NS-Organisationen ergaben sich fĂŒr Frauen zum Teil ungeahnte Karrieremöglichkeiten.
Aufgrund der Mehrfachbelastung war der Anteil an Frauen bei den sogenannten âArbeitsverfehlungenâ auffallend hoch: HĂ€usliche Pflichten wie Hausarbeit und Kinderbetreuung lieĂen sich im Laufe des Krieges immer weniger mit der ErwerbstĂ€tigkeit vereinbaren. Hinzu kam, dass Frauen im Durchschnitt 30 % weniger als ihre mĂ€nnlichen Kollegen verdienten.

WĂ€hrend des Nationalsozialismus verschwammen die Grenzen zwischen âmĂ€nnlicherâ und âweiblicherâ Arbeit zunehmend. Frauen traten u. a. in die typisch mĂ€nnliche DomĂ€ne der Reichsbahn ein und waren dort als Schaffnerinnen oder in technischen Bereichen beschĂ€ftigt. Diese Entwicklung â ausgelöst durch den Zweiten Weltkrieg â fĂŒhrte zu einem Aufbrechen gesellschaftlicher Normen und zeigte, dass Frauen in der Lage waren, typische MĂ€nnerberufe zu ĂŒbernehmen.
Bildquelle: Engelbert Pickl jun.; © Engelbert Pickl sen.

Ein Beispiel fĂŒr eine weibliche Karriere im Nationalsozialismus ist die Kreisfrauenschaftsleiterin Maria Crusiz-Lang. Die aus dem deutschen AllgĂ€u stammende Villacherin bekleidete ab 1941 bis zum Ende der NS-Zeit die zweithöchste Position, die eine Frau in der nationalsozialistischen Parteihierarchie eines Landes bzw. Gaues innehaben konnte. Somit gehörte sie zu den fĂŒhrenden Nationalsozialistinnen in KĂ€rnten.
Bildquelle: Privatarchiv Alexandra Schmidt

Als TĂ€terinnen waren Frauen an der NS-âEuthanasieâ in KĂ€rnten beteiligt. Oberschwester Antonia Pachner (Bildmitte) war als TĂ€terin oder Auftraggeberin fĂŒr die Misshandlung sowie den Mord an zahlreichen Patient:innen verantwortlich. Sie wurde am 4. April 1946 im Zuge der Klagenfurter âEuthanasieâ-Prozesse am Volksgericht Graz zum Tod verurteilt. Die Strafe wurde kurze Zeit spĂ€ter zu 20 Jahren schweren Kerkers umgewandelt.
Bildquelle: KLA
FRAUEN IM REICHSARBEITSDIENST: VON DER FREIWILLIGKEIT ZUR NOTWENDIGKEIT
Der Reichsarbeitsdienst (RAD) â auf freiwilliger Basis und unbezahlt â diente seit 1931 der BeschĂ€ftigung von Arbeitslosen und spielte im Nationalsozialismus zunĂ€chst eine untergeordnete Rolle. Im Jahr 1939 wurde das Pflichtjahr im Reichsarbeitsdienst fĂŒr die weibliche Jugend (RADwJ) eingefĂŒhrt. Die 18- bis 25-JĂ€hrigen leisteten ihren Dienst zunĂ€chst als Haushaltsgehilfinnen und auf Bauernhöfen. Vor allem auf dem Land mussten sie sich einer strengen Disziplin unterordnen. Im Zuge der Kriegsausweitung nahm der Arbeitsdienst eine andere Dimension an: Im Rahmen des weiblichen Kriegshilfedienstes (KHD) wurden die Frauen nach der sechsmonatigen Arbeitsdienstpflicht weitere sechs Monate in BĂŒros der Wehrmacht oder in KrankenhĂ€usern eingesetzt. Ab 1943 kamen die sogenannten âArbeitsmaidenâ auch in der Kriegsindustrie zum Einsatz. Im selben Jahr wurde die Meldepflicht zum Arbeitseinsatz eingefĂŒhrt.

Das nationalsozialistische Idealbild einer âArbeitsmaidâ. Ab 1939 mussten auch weibliche Jugendliche ein Pflichtjahr im Reichsarbeitsdienst absolvieren. In KĂ€rnten befanden sich die Lager u. a. auf Schloss ThĂŒrn im Lavanttal oder im âKĂ€rntnerhofâ in MĂŒllnern bei Villach.
Bildquelle: Ostmark-Woche, 4.1.1938
MYTHOS TRĂMMERFRAU
Der Mythos der TrĂŒmmerfrau, also das Bild der Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg maĂgeblich am Wiederaufbau beteiligt war, indem sie den Schutt mit bloĂen HĂ€nden unter widrigen Bedingungen beseitigte, entstand in Ăsterreich in den 1980er Jahren. In dieser Zeit erodierte das Narrativ, Ăsterreich sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Mit der âTrĂŒmmerfrauâ entstand eine neue Art Opfer-ErzĂ€hlung, deren kritische Reflexion lange Zeit ausblieb.
Entgegen den Vorstellungen kam es nicht erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zur RĂ€umung der TrĂŒmmer. Die erste Phase fand bereits wĂ€hrend des alliierten Luftkrieges statt. ZunĂ€chst griff das NS-Regime auf den Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD), dann auf das Ersatzheer der Wehrmacht, die Hitlerjugend und den RAD sowie auf das Bauhandwerk zurĂŒck. Dabei spielten Frauen eine marginale Rolle â sie hatten keinen Zugang zu diesen Organisationen â und Frauenarbeit am Bau war verboten. Nach und nach setzten die Nationalsozialist:innen zunehmend Zwangsarbeiter:innen zur TrĂŒmmerbeseitigung ein, die von nun an wesentlich von ihnen getragen wurde. Nach Kriegsende wurde die TrĂŒmmerrĂ€umung teils als Strafarbeit oder âSĂŒhnearbeitâ fĂŒr ehemalige NSDAP-Mitglieder angeordnet. In den meisten FĂ€llen erfolgte sie allerdings nicht per Hand, sondern mit technischem GerĂ€t.
Frauen spielten bei der TrĂŒmmerbeseitigung zwar eine Rolle, das bis heute verallgemeinerte und hochstilisierte Bild der âTrĂŒmmerfrauâ ist jedoch kritisch zu hinterfragen, da es nur begrenzt der RealitĂ€t entspricht

Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die Ballungszentren Ăsterreichs in TrĂŒmmern. Nationalsozialistinnen wurden auch in KĂ€rnten strafweise zur Beseitigung des Bombenschutts verpflichtet und spĂ€ter als Nachkriegsheldinnen verklĂ€rt. Von Freiwilligkeit konnte nicht immer die Rede sein. FĂŒr mittellose Frauen war diese TĂ€tigkeit notwendig, um die Familie zu versorgen.
Bildquelle: ĂNB Wien/545/25