Zwangsarbeit
SYSTEM AUS GEWALT UND ENTRECHTUNG
Die ersten Personen, die unmittelbar nach dem âAnschlussâ Zwangsarbeit leisten mussten, waren Wiener und burgenlĂ€ndische JĂŒdinnen und Juden. Wochenlang waren sie willkĂŒrlichen ArbeitszwangsmaĂnahmen ausgesetzt, die allen voran der Schikane und der EinschĂŒchterung dienen sollten. Der zwangsweise Einsatz intensivierte sich nach dem Novemberpogrom 1938 systematisch, der sogenannte âGeschlossene Arbeitseinsatzâ fĂŒr sozialunterstĂŒtzte JĂŒdinnen und Juden wurde eingefĂŒhrt. Das System der Zwangsarbeit wurde sukzessive auf weitere Personengruppen ausgedehnt.
WEITERE OPFERGRUPPEN
Die nĂ€chste Personengruppe, die zur zwangsweisen Arbeit herangezogen wurde, waren burgenlĂ€ndische âZigeunerâ (Roma und Romezze, Sinti und Sintezze). Lokale Initiativen gaben den Ausschlag dafĂŒr, dass sie Zwangsarbeit (zumeist im StraĂenbau) auszufĂŒhren hatten. Eine weitere Gruppe, die von Beginn an Zwangsarbeiten verrichten musste, waren die HĂ€ftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen, das im August 1938 eingerichtet wurde. So befanden sich beispielsweise am Loibl Mauthausener HĂ€ftlinge unter widrigsten Bedingungen beim Tunnelbau im Zwangseinsatz. Mit Kriegsbeginn im September 1939 gerieten sukzessive feindliche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Auch sie mussten Zwangsarbeit leisten. Den gröĂten Anteil der Zwangsarbeiter:innen auf österreichischem Boden stellten auslĂ€ndische MĂ€nner, Frauen und Kinder aus den besetzten Gebieten. Die sogenannten âOstarbeiterâ (Ukrainer:innen, Russ:innen und Belaruss:innen) oder âP-Arbeiterâ (Pol:innen) unterlagen der Verpflichtung, einen fest mit der Kleidung verbundenen AufnĂ€her mit der Aufschrift âOSTâ zu tragen, wĂ€hrend Arbeiter:innen aus dem besetzten Polen einen AufnĂ€her mit dem Buchstaben âPâ (Polen) tragen mussten.

Zuweisung einer âfremdvölkischen Arbeitskraftâ, wie Zwangsarbeiter:innen im NS-Jargon bezeichnet wurden. Den ârassisch Niedrigerstehendenâ war es nicht erlaubt, am selben Tisch wie ihre deutschen Kolleg:innen und Dienstgeber:innen zu sitzen.
Bildquelle: Privat

Die NS-Propaganda pries der âVolksgemeinschaftâ das KZ-Lagersystem als Notwendigkeit an. Der Text unter den Aufnahmen lautet: âDer nationalsozialistische Staat schĂŒtzt das Deutsche Volk durch seine Strafgesetzgebung vor SchĂ€dlingen."
Bildquelle: Gerd RĂŒhle, Das Dritte Reich. Das vierte Jahr 1936, Berlin 1937, 462.
ZWANGSARBEIT IM KRAFTWERKSBAU
Das Lager WunderstĂ€tten-LavamĂŒnd war ein Arbeitskommando (A 10 030) des Kriegsgefangenenlagers in Wolfsberg (Stalag XVIII A) und bildete aufgrund seiner GröĂe ein eigenes Lager. Neben den Kriegsgefangenen kamen auch Zwangsarbeiter beim Bau der Draukraftwerke Schwabeck und LavamĂŒnd zum Einsatz. Sie waren in einem eigenen, von den Kriegsgefangenen getrennten Bereich, untergebracht. Den SS-Wachmannschaften, die die Zwangsarbeiter ĂŒberwachten, und der Baufirma ĂŒberlieĂ man relativ freie Hand. Das Lagerlazarett wurde von Captain Dr. James Ferguson vom Royal Army Medical Corps geleitet. Er hatte die Erlaubnis, die Gefangenen fĂŒr einen Zeitraum von bis zu drei Tagen krank zu schreiben. FĂŒr lĂ€ngere Krankschreibungen war Dr. Berger zustĂ€ndig. In den Jahren 1941 und 1942 wurden durchschnittlich 15 % der Lagerinsassen krankgeschrieben. In den letzten beiden Kriegsjahren gab es nur sehr wenige Kranke. Ein im Lagerlazarett tĂ€tiger NeuseelĂ€nder berichtete:
âSo wurde es der Brauch von mir, die Zahl der Patienten zu vergröĂern. Die Deutschen anerkannten [âŠ] eine Krankenliste von zehn Prozent der Lagerbelegschaft. Da unsere einzige Gelegenheit, die deutschen Kriegsanstrengungen zu sabotieren, darin bestand, möglichst viele Kranke im Lager zu haben, bestrebten wir uns, den tiefen Stand der Patienten etwas âaufzufĂŒllenâ. Dr. Berger bemerkte natĂŒrlich, was wir machten, doch zeigte er uns nie bei den Behörden an und bestĂ€tigte unsere Krankenlisten.â
Im April 1940 erreichte ein Transport von 230 Wiener Juden das Lager. Die MĂ€nner wurden als tauglich befunden, obwohl sich unter ihnen viele Alte und Invalide befanden. Ein ziviler Arzt aus der Umgebung Ă€uĂerte sich mehrmals kritisch ĂŒber die ZustĂ€nde. Er schrieb schon in den ersten zwei Wochen 20 Juden krank und schickte sie nach Wien zurĂŒck. Die SS war mit dem Arzt sehr unzufrieden, auch weil sie keine Kritik an ihrem brutalen Umgang mit den HĂ€ftlingen akzeptierte. Den Aussagen von Internierten zufolge dĂŒrften die VerhĂ€ltnisse beim Bau der Kraftwerke katastrophal gewesen sein. Der Augenzeuge Florian Hirm berichtete ĂŒber die ZustĂ€nde beim Bau wie folgt:
âDie Juden mussten jeweils zwei Stunden bis zur totalen Erschöpfung unter Wasser bleiben und die Luft fĂŒr das Vakuum auspumpen. Dabei wurden sie beschimpft und erniedrigt. Jeder musste arbeiten, bis er fast krepierte. [âŠ] Viele Arbeiter, die wir kannten, sind einfach verschwunden â angeblich nach Dachau oder Mauthausen. Die Arbeiter waren zumeist 25 bis 60 Jahre alt. Sie durften ihre Baracken nicht verlassen.â
Die Anzahl der jĂŒdischen Gefangenen schrumpfte bis Mai 1945 stark. Es bleibt unklar, in welchem GröĂenverhĂ€ltnis TodesfĂ€lle und Abtransporte zueinanderstanden. Ein junger, jĂŒdischer Mann, der noch bis Herbst an Ort und Stelle blieb, berichtete:
âBis zum Kriegsende waren noch fĂŒnf Juden in LavamĂŒnd, und wir haben miteinander ausgemacht, wenn einer von uns noch Gelegenheit haben sollte, Herrn Dr. Berger fĂŒr sein jahrelanges Verhalten uns gegenĂŒber zu danken, dann muss er es tun [âŠ].â

JĂŒdische Zwangsarbeiter beim Kraftwerksbau in LavamĂŒnd. JĂŒdinnen und Juden mussten im âDritten Reichâ unter den widrigsten Bedingungen Zwangsarbeit leisten. UnzĂ€hlige verloren zwischen 1940 und 1945 aufgrund von MangelernĂ€hrung und brutaler Behandlung durch die SS ihr Leben.
Bildquellen: ĂNB Wien/S 202/25 und ĂNB Wien/S 202/26

Slowenische Ausgesiedelte als Lagerinsassen und Zwangsarbeiter im deutschen EichstÀtt. WÀhrend in KÀrnten auslÀndische Zwangsarbeiter:innen eingesetzt wurden, deportierte man 1942 KÀrntner Slowen:innen in andere Reichsteile, wo sie ebenfalls Zwangsarbeit leisten mussten.
Bildquelle: Johannes Schaschl
REPRESSALIEN
Die Alliierten schĂ€tzten die Zahl der Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen in Ăsterreich im Januar 1945 auf etwa 1,4 Millionen. Beim GroĂteil handelte es sich um Menschen aus der Ukraine, Russland, Belarus, Polen, Italien und Frankreich. In KĂ€rnten dĂŒrften es nach diesen Berechnungen etwa 60.000 gewesen sein. Arbeitende Kriegsgefangene und auslĂ€ndische Zivilarbeiter:innen gehörten in der Stadt und auf dem Land zur AlltagsrealitĂ€t. âOstarbeiter:innenâ und Kriegsgefangene wurden in beinahe jedem Betrieb nebeneinander eingesetzt. Zivilarbeiter:innen und Kriegsgefangenen im Arbeitseinsatz war es strengstens untersagt, am selben Tisch wie einheimische Arbeiter:innen zu essen.
Aufschluss ĂŒber den Arbeitsalltag polnischer Zwangsarbeiter:innen liefert das âMerkblatt fĂŒr deutsche BetriebsfĂŒhrer ĂŒber das ArbeitsverhĂ€ltnis und die Behandlung von Zivilarbeitern polnischen Volkstums aus dem Generalgouvernement und den eingegliederten Ostgebietenâ. Demzufolge sollten die deutschen BetriebsfĂŒhrer stets bedenken, dass es sich bei den ihnen unterstellten Zwangsarbeiter:innen um Angehörige eines âFeindvolkesâ handelte. Daher war jeder gesellige Verkehr zwischen diesen und Deutschen strengstens verboten. Besonders intimer Verkehr zog schĂ€rfste staatspolizeiliche MaĂnahmen nach sich. Ohne besondere Genehmigung der Ortspolizeibehörde durften sie ihren Aufenthaltsort nicht verlassen. Jedes unerlaubte Fernbleiben des Arbeitsplatzes musste vom BetriebsfĂŒhrer bei der Ortspolizeibehörde gemeldet werden. In den Nachtstunden herrschte ein generelles Ausgehverbot.

Ăffentlicher Plakataushang. Der Umgang mit Kriegsgefangenen, die in âdeutschenâ Betrieben oder fĂŒr âdeutscheâ Bauern und BĂ€urinnen Zwangsarbeit leisten mussten, war streng reglementiert. Ăberschreitungen wurden strengstens geahndet.
Bildquelle: KLA

Nach einem menschenunwĂŒrdigen, zweitĂ€gigen Transport wurde Maria Kotomisky zusammen mit anderen Verschleppten aus ihrer polnischen Heimat in KĂ€rnten an ortsansĂ€ssige Betriebe âverteiltâ. Sie wurde als schlechtbezahlte Landarbeiterin in LavamĂŒnd eingesetzt.
Bildquelle: KLA